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Schubs mich!
Nominiert für den Deutschen Phantastik Preis Das Mondmalheur
Erhältlich als eBook oder in Papierform bei amazon.de

Danke an:

Fotos (Weltraum): NASA

Originalfoto (Pelikan) Dodo: © Rudi Fränkle

Schriftart (Broken 15): © Eduardo Recife

Schriftart (Exo 2): © ndiscovered

Photoshop-Brushes: © Ar-bent-ing


Webdesign: © 2014 groessenwahn.com

Bildbearbeitung: © Anette Kannenberg

Tiefseeangler

"Das Mondmalheur" ist ein kurzweiliger und nicht ganz ernstzunehmender Roman über Raumzeitegalisierer, Mondstein kackende Bakterien, über die ganz große, kleingeredete Katastrophe und den Versuch, die Erde vor dem endgültigen Untergang zu retten. Er handelt von Verschwörung, Politik und Freundschaft, ist mal satirisch, mal dramatisch, aber zum Glück skurril genug, um sich das, um Himmels willen, nicht anmerken zu lassen. Humorvolle Einfälle und charmante Protagonisten bilden gemeinsam eine absurde Story, deren höchster Zweck es ist, den Leser zum Schmunzeln zu bringen, ihn irritiert mit dem Kopf schütteln und dabei den eigenen Geisteszustand – oder zumindest den der Autorin – anzweifeln zu lassen.

Das Leben von Cornelius Wichgreve, Gravitationsexperte und Erfinder der hochgejubelten Skylevitys, wird komplett durcheinander geworfen, als der weltweit führende Mineralölkonzern CosmOre Industries ihm einen Job auf dem Mond anbietet. Zusammen mit dem soziophoben Bakteriologen Murray und dem selbsternannten Lunalogen Vladimir soll er dort den Abbau des neu entdeckten Superelementes Tuttofarium vereinfachen. Doch als Murray plötzlich nach Peru versetzt wird und ein Praktikant dessen Aufgaben übernimmt, passiert das Unglaubliche, und Cornelius wird in eine Verschwörung hineingezogen, die in eine weltumspannende Katastrophe mündet.

Anette Kannenberg wurde 1974 in Berlin geboren. Seit 2011 lebt und arbeitet sie als Schriftstellerin, freiberufliche Illustratorin und Grafikdesignerin auf der Insel Lanzarote.
Ihr Debüt "Das Mondmalheur" ist der erste von voraussichtlich drei Romanen.

Mehr auf www.anette-kannenberg.de

Unter dem Künstlernamen "Nedde" ist sie als Illustratorin außerdem erfolgreich im Bereich Cartoon, Kinderbuch und Charakterdesign unterwegs.

Mehr auf www.nedde.de

Das Mondmalheur

 

 

 

 

 

DAS MONDMALHEUR

 

von Anette Kannenberg

 

 

 

Leseprobe

Eins

Im Bus roch es nach nassem Hund und Hustendrops.

Murray O’Connor, Dozent für Genetik an der NUI Galway, durchsah auf dem Weg von seiner Arbeit nach Hause gerade einige Aufsätze seiner Studenten und ekelte sich nebenbei ausgiebig vor der Umgebung. Um ihn herum ließen blasse Menschen gedankenlos ihre leeren Blicke durch die stickige Luft des öffentlichen Verkehrsmittels umhergeistern; draußen indes spie der graue, mit prallen Wolken bedeckte Himmel winzige Tropfen aus, die nahezu waagerecht durch die Stadt sprühten und die, wie Murray nüchtern befand, nicht einmal ansatzweise den Begriff Regen verdient hatten.

Er rümpfte die Nase.

Murray hasste dieses Wetter, hasste den klammen Geruch, den es verursachte und die trübe Stimmung, die es verbreitete. In einem vergeblichen Versuch, Geruch und Stimmung zu neutralisieren und gegebenenfalls die eine oder andere Bazille abzuwehren, hielt er sich ein kariertes Taschentuch vor die Nase. Das so entstandene Odeur aus Frühlingsfrische und Herbstausdünstung verwirrte sein olfaktorisches

System und brachte ihn auf wunderliche Weise einen kurzen Moment lang sogar zum Lächeln.

Als der Endvierziger hinter ihm ungehalten in seinen Nacken nieste, vibrierte das Claptop auf seinem Schoß, und ein kleines Fenster öffnete sich über der Arbeit eines Studenten. Er tippte sich ans Ohrläppchen und wartete. Kurz darauf meldete sich zögerlich eine Stimme: „Doktor O’Connor?“

Ohne hinzuschauen, erkannte Murray sofort die grelle Stimme seiner Nachbarin, Mrs Brunswick.

„Hm?“

„Doktor O’Connor, ich möchte Sie wirklich nicht stören, wirklich nicht.“

Er war sich dessen nicht ganz sicher, entgegnete dennoch höflich: „Hmn?“

„Wissen Sie, wir, also mein Mann und ich, wir machen uns Sorgen um, na. Also, es klappert ganz furchtbar in Ihrer Wohnung. Als würde ein Einbrecher …“

„Hm.“

„Wir wollen, weiß der Himmel, ja nicht neugierig erscheinen, aber wir könnten ja mal nachschauen, ob …“

„Nein, nein!“ Er überlegte, wie er die lästige Nachbarin beruhigen könnte. Mit Unwohlsein erinnerte er sich daran, ihr vor einigen Monaten den Code für seine Wohnung gegeben zu haben,

als er für zwei Tage die Handwerker im Haus gehabt hatte. Warum nur hatte er ihn noch nicht wieder geändert? Er machte eine Notiz an sich selbst, die er innerhalb der nächsten siebenundzwanzig Sekunden wieder vergessen haben würde. „Ich bin auf dem Weg, machen Sie sich bitte keine Sorgen.“ Und bevor sie noch etwas erwidern konnte, hatte er bereits aufgelegt.

War es soweit? Hatte er es wirklich geschafft? Ein fröhlicher Funke blitzte in seinen grünen Augen auf, verschwand aber sogleich wieder, als sein Blick zurück auf die Arbeit seines Studenten fiel und ihn von seinem vermeintlichen Erfolg ablenkte. „Epigenetische Retrosynapsen? Wirklich?“ grunzte er verächtlich. Dann wischte er den Aufsatz mit dem Finger in den Später-lesen-Ordner; für einen solch pseudowissenschaftlichen Unfug hatte er wahrlich keine Zeit. Überhaupt wunderte er sich, mit welchem Humbug er sich als Dozent beschäftigen musste und was die Studenten, die oft nicht viel jünger waren als er selbst, ihm zumuteten. Da wurden ohne mit der Wimper zu zucken die absurdesten, wissenschaftlichen Theorien zu Rate gezogen und mit unwissenschaftlichen Thesen vermengt, egal, wie stimmig sie waren – der tägliche Konsum des vor

wenigen Wochen mit dem Stephen-Hawking-Preis ausgezeichneten Science-X-Channels™ machte allem Anschein nach aus jedem Volltrottel einen Wissenschaftler. Erbost öffnete er die nächste Hausarbeit. Als er ihren Titel las, beschloss er ungewohnt spontan, sich nicht weiter zu ärgern und schob sie in denselben Ordner wie die erste.

Der Bus hielt an und entlud mit einem erschöpften Seufzer einige der farblosen Passagiere. Murray spürte den zaghaften Luftzug, der hereinströmte und schloss für einen flüchtigen Augenblick die Augen. Das Lüftlein allerdings schaute sich nur kurz um und verschwand, vom Mief der Umgebung eingeschüchtert, noch bevor die Türen sich wieder schließen konnten. Seufzend klappte er das multifunktionale Claptop auf Handtellergröße zusammen und verstaute es in der Brusttasche seines cremeweißen Hemdes. Dann lehnte er sich zurück. Für heute hatte er sich genug geärgert. Es war Zeit, dass er sich auf das, was ihm sogleich begegnen würde, mental vorbereitete.

Ob es wohl wirklich so aussah, wie auf Mansurs Abbildungen? Oder vielleicht doch ganz anders: schlanker, kleiner, farbenfroher?

Nur wenige Minuten später tat Murray einen kleinen Schritt hinaus auf den Gehsteig und einen großen hinein ins altmodische Treppenhaus seiner Drei-Zimmer-Altbauwohnung.

Als er schnaufend die letzten drei Stufen zur seiner Wohnung in der zweiten Etage erklommen hatte, erwartete ihn bereits seine Nachbarin. Ganz offensichtlich hatte sie seine Schritte gehört und brauchte nicht mehr als eine Sekunde, um ihren Kopf vorlaut aus der Tür der Nachbarwohnung zu strecken. Er sah, dass sie die lila-gelb geblümte Kittelschürze trug und schloss daraus, dass es bei ihr heute Shepherd’s Pie geben würde.

„Oh, der Herr Doktor!“ säuselte sie zuckersüß, um kurz darauf vorwurfsvoll hinzuzufügen: „Sagen Sie mal, was ist denn das da in Ihrer Wohnung? Ich hätte ja so gerne für Sie nachgesehen, aber Sie weigern sich ja standhaft, meine mehr als gutgemeinte Hilfe anzunehmen.“ Sie schürzte die Lippen. „Es ist ja nicht so, dass ich mich aufdrängen möchte, nein, nein! Aber ein vertrauensvolles, nachbarschaftliches Verhältnis ist mir nun einmal außerordentlich wichtig.“

Während Murray in seiner Brusttasche herumnestelte, nickte er ihr höflich zu. Endlich bekam er die Notiz mit all seinen PINs und TANs und Codes und ID-Nummern zu fassen und tippte die zwölfstellige Zahlen- und Buchstabenkombination in die sich neben der Klingel befindlichen Tastatur ein. Die Tür öffnete sich mit einem kaum wahrnehmbaren Klicken. Leise murmelnd, danke, alles in Ordnung, wandte er sich von seiner Nachbarin ab und betrat seine Wohnung.

„Seien Sie nur vorsichtig“, hörte er die Nachbarin noch von der anderen Flurseite verschwörerisch flüstern. „Wenn der Einbrecher noch im Haus ist, dann …“ Im selben Moment unterbrach ein spitzer Schrei ihren Satz, und Murray wandte sich erschrocken um. Mrs Brunswicks Gesicht war aschfahl geworden, sie starrte fassungslos geradeaus. Einen Augenblick lang schien es, als würde sie ohnmächtig werden, doch gleich darauf drehte sie sich um und huschte jammernd zurück in ihr Apartment. „Mein Pie!“ rief sie noch, dann fiel die Tür ins Schloss, und im Hausflur trat Ruhe ein.

Das erste, das er sah, als er von der Diele ins Wohnzimmer trat, waren die unzähligen, hellblauen Pflanzenperlen, die sich großzügig über den wollweißen Teppichboden ergossen hatten. Die dazugehörige Zimmerpflanze, ein fleischfressender Ficus elastica mit rosafarbenen Blüten, lag umgestürzt daneben und wartete auf ihr sicheres Ende. Murray schaute sich um. Der Rest der Einrichtung schien unbeschädigt zu sein: Weder auf dem ecrufarbenen Ledersofa, dem Glastisch, noch den Vitrinen seiner Dalek-Actionfiguren-Sammlung war auch nur ein Kratzer zu erkennen. Ohne seine Umgebung aus den Augen zu verlieren, schlurfte er hinüber und richtete den mutierten Gummibaum auf. Dieser wippte dankbar hin und her und verlor vor Erleichterung eines seiner dicksten Blätter.

„Wird schon wieder“, murmelte Murray leise. Er strich seinem grünlichen Freund liebevoll über den elastischen Stamm. Als er sich selbst daraufhin wieder aufgerichtet hatte, sah und vor allem hörte er, wie etwas, das die Größe einer pummeligen Ente hatte, mit einem Mal schrill krächzend und kreischend an ihm vorbeihuschte. „Gnäääk!“

Er erschrak und wich zurück. Zumindest war es gesund und munter, stellte er fest, als er sich vom ersten Schrecken erholt hatte. Dann folgte er ihm zögerlich aus dem Wohnzimmer in die Diele.

Eine grauweiße Schwanzfeder, die auf dem Designerflokati inmitten des Raumes lag, verriet ihm, dass der Vogel hier gewesen sein musste. Er bückte sich, hob sie auf und betrachtete sie einen Augenblick lang verzückt. Das schrille Gnäkgnäääk, das gleich darauf aus der Küche drang, wies ihm wiederum unverblümt die richtige Richtung. Langsam und auf Zehenspitzen näherte er sich seinem neuen Untermieter. Und dann sah er ihn:

Der kleine Vogel mit der erwartungsgemäß plumpen Figur hatte einen für seinen Körper viel zu großen Kopf und einen riesigen, nach vorne hin dicker werdenden Schnabel. Das aufgeplusterte Flaumfederkleid war gräulich-braun und erinnerte Murray umgehend an das schlechte Wetter, das er soeben vor der Tür hatte stehenlassen. Wie angenommen waren die kleinen Flügel, mit denen das Tierchen jetzt protestierend, aber erfolglos herumflatterte, verkümmert und schienen zusammen mit den dicklichen, kurzen Beinen wiederum die Theorie zu bestätigen, dass der Dodo ein flugunfähiger Laufvogel gewesen sein musste.

„Dou, dou?“ fragte die hässliche, kleine Flaumkugel, legte den Kopf schief und rannte los; durch die Beine von Murray hindurch, weiter in die Diele bis ins Wohnzimmer.

„Es lebt“, flüsterte Murray atemlos und starrte auf die kümmerlichen Reste der Eierschalen, die dort unter der Wärmelampe auf dem Küchentisch verstreut lagen. Dann folgte er dem Tier.

 

Es dauerte geschlagene zwei Stunden, bis er es geschafft hatte, das Tier ins Badezimmer zu treiben; glücklicherweise, ohne dass dieses seinen vermeintlich ätzenden Kot auf seine Möbel und Teppiche kleckerte. Nun saß einer der beiden auf dem Badewannenrand und der andere davor, ihn argwöhnisch beobachtend und seinen Schnabel in eine leicht vergorene Kiwi steckend.

„Früher oder später wirst du dich an mich gewöhnen müssen“, erklärte Murray dem Vogel, den er noch während der Verfolgungsjagd zu Ehren seiner kürzlich sechsundneunzig Jahre alt gewordenen Großmutter Doris getauft hatte.

„Dou?“ antwortete Doris sogleich. Er fragte sich, ob sie ihn wohl verstanden hatte. Doch den Bruchteil einer Sekunde später schüttelte er den Kopf und vertrieb den absurden Gedanken, der sich daraufhin traurig aufmachte, einen heimeligeren Wirt als das rational arbeitende Gehirn des Genetikers zu finden. Stattdessen schoben sich berechtigte Sorgen zwischen seine gut verknüpften Synapsen: Wo sollte Doris wohnen, wie sollte er sie versorgen? Wem würde er sich anvertrauen können, wenn das eigentlich seit über vierhundert Jahren ausgestorbene Tier einmal krank würde? Murray, der sonst eher zu den vorausschauenden Denkern zählte, hatte, als er vor zwölf Monaten den Plan fasste, den ausgestorbenen Vogel wieder zum Leben zu erwecken, keinerlei Gedanken an die Zukunft verschwendet; viel zu sehr war er damit beschäftigt gewesen, eine Körperzelle des vor wenigen Monaten im madagassischen Hochmoor gefundenen Dodokadavers in das Ei einer Kragentaube einzupflanzen und auszubrüten. Und jetzt, ganz plötzlich, stand er vor dem Resultat: Das niedliche, plumpe Vogelvieh schaute ihn aus wachen Äuglein an und verlangte hier und jetzt zu wissen, wie seine Zukunft aussah. „Dou.“

Das Claptop vibrierte und riss ihn mit einem Ruck aus seinen Gedanken, der dazu ausreichte, ihn fast in die Wanne rutschen zu lassen, den Dodo wiederum zu einem entgeisterten Krächzkonzert veranlasste. Mit Mühe und Not konnte er sich halten und gleichzeitig das Tier mit sanftem Gurren beruhigen.

„Hmnja?“

„Hallo, ich bin’s!“

„Hm.“ Murray hasste es, wenn die Leute auf der anderen Seite meinten, er würde jedermanns „Ich bin’s“ an der Stimme erkennen. Zugegeben, er könnte vor Beginn des Gesprächs aufs Display schauen, doch er wusste, wenn er das täte, würde er wohl jeden Anruf ignorieren. Also wartete er mehr oder weniger geduldig ab, bis auch diese Anruferin sich von alleine verriet: „Hör mal, Papa und ich wollten nur wissen, ob du morgen zum Essen kommst. Für den Nachtisch habe ich Stout Cake gemacht. Extra für dich.“

„Ist denn schon wieder Freitag?“ Der Dodo begann gerade, den Badewannenvorleger mit dem Schnabel aufzuribbeln.

„Schatz!“ Seine Mutter lachte verständnislos. „Es ist dein sechsunddreißigster Geburtstag!“

Murray vergaß in dem tierischen Durcheinander den Anruf seiner Mutter, die Einladung zum Essen und den Tag, an dem er, ob er wollte oder nicht, im Mittelpunkt zu stehen hatte. Stattdessen nahm er Urlaub und verbarrikadierte sich für die folgenden sieben Tage in seiner Wohnung. Er war kein Mensch, der krankfeierte und mochte es auch nicht, wenn Kollegen ihn dazu nötigten, Vertretungsstunden zu geben, nur weil sie unvorhergesehene, persönliche Ereignisse – wie Krankheiten oder Beerdigungen – für wichtiger als den Universitätsalltag erachteten. Doch außergewöhnliche Vorkommnisse erfordern außergewöhnliche Verhaltensweisen, und so hatte er den Dekan persönlich angerufen und kurzfristig um die Genehmigung seines Jahresurlaubs gebeten. Dieser hatte nur kurz protestiert, ihm angesichts der seltenen Fehltage (zwei in drei Jahren, an denen Murray nahezu unverschuldet wegen des Verdachts auf Beulenpest in Quarantäne saß) die eine Woche gestattet. In eben dieser Zeit entwickelte sich die kleine Doris prächtig und erfüllte ihn regelrecht mit väterlichem Stolz. Schnell konnte er ihr Vertrauen gewinnen, und so folgte sie ihm innerhalb der Wohnung bald schon hingebungsvoll und leise schnatternd wie ein Entchen seiner Mutter.

 

· · · ·

 

Das Neonlicht des Tiefkühlregals im Minimarkt warf dunkle Schatten unter seine Augen und ließ gleichzeitig seine wenigen, feinen Haare in einem unnatürlich scheinenden Rot erstrahlen. Der etwa ein Meter fünfundsechzig große Wissenschaftler wirkte aufgrund seiner beträchtlichen Körperfülle und des frühen Haarverlustes um einiges älter, als er tatsächlich war. Seine suchenden, grünen Augen und die für seinen Kopf zu kleine Nase verschwanden schüchtern in dem runden Gesicht, das von buschigen Koteletten umrahmt wurde, die nicht so ganz zu seinem sonst unauffälligem Erscheinungsbild passen wollten. Wie an jedem Tag trug Murray auch an diesem typisch irischen Herbstmorgen eine frisch gebügelte, mittelbraune Cordhose, dazu ein fein kariertes Hemd, das zugegebenermaßen etwas über dem Bauch spannte, und einen beigefarbenen Mackintosh. Man hatte ihm einmal gesagt, er sei ein Herbsttyp, weshalb ein senfgelber Schal, den er sich akkurat um den Hals gewickelt hatte, sein Ensemble vervollständigen sollte.

„Hundert Prozent ohne künstlerische Zusatzstoffe“, las er laut, schüttelte verärgert den Kopf und nahm trotzdem zwei Packungen Bami Goreng aus dem Tiefkühlregal. Dann ging er zum Obststand hinüber, prüfte braun behaarte Südfrüchte mit leichtem Druck auf ihre Reife und ließ eine nach der anderen in eine zerknitterte Papiertüte wandern. Er hatte recht schnell herausgefunden, dass Doris halbvergorene Kiwis jeder anderen Frucht vorzog, und als frischgebackener Dododaddy tat er natürlich alles, um seine Kleine zu verwöhnen. „Sechs, sieben, acht“, zählte er leise und schlurfte mitsamt der Tüte zur Kasse.

Plötzlich krümelte eine helle, ihm entfernt bekannte Frauenstimme geradewegs in seine Aura. „Murray O’Connor? Ich dachte, Sie wären im Urlaub!“

Teilnahmslos drehte er sich um und blickte in die leuchtend blauen Augen seiner Kollegin Professor Winston. Sie lächelte heiter. Dabei vertieften sich die feinen Lachfalten ihres Gesichts und verrieten zusammen mit den kurzen, graublonden Haaren auf eine fröhliche Art und Weise ihr nicht mehr ganz so junges Alter. Murray war ihr bisher nur einige Male in der Mensa begegnet und wusste nicht mehr von ihr, als dass sie Forschungen am

menschlichen Gehirn betrieb und dass sie die Urheberin dieser abstrusen Theorie über die so genannten epigenetischen Retrosynapsen war. Er selbst hielt überhaupt nichts von jener wohl niemals zu beweisenden These und hoffte, dass die Universität keine weiteren Gelder für solch unsäglichen Unsinn zum Fenster hinauswerfen würde. Wenn es nämlich ums Hinauswerfen ging, hätte er einen weitaus besseren Vorschlag: Und der stand gerade vor ihm und blickte ihn ohne ersichtlichen Grund freudestrahlend an. „Na so was“, sagte die Frau. „Und wir hatten uns alle schon gefragt, wo denn die Reise hingegangen ist.“

Murray hasste Smalltalk. „Nicht sehr weit, wie es aussieht“, antwortete er deswegen knapp und versuchte, sich aus dem Gespräch mit der Kollegin herauszuwinden: „Zu Hause ist es eben doch am schönsten.“

„Ich hoffe doch, Sie sind nicht krank? Na, bei den vielen Vitaminbomben“, sie deutete auf die Tüte mit den Kiwis und lachte, „sind Sie sicher schnell wieder auf dem Damm.“

Murray tat, als wäre er unsichtbar und schlich um Professor Winston herum zur Kasse.

„Es ist hoffentlich nichts in der Familie? Aber das“, sie winkte lachend ab, „das geht mich ja auch gar nichts an.“

„Nein, nein.“ Er wich dem besorgten Blick seiner Kollegin aus. Dafür, dass diese Person selbst wusste, dass sie sein Privatleben nichts anging, fand er sie außergewöhnlich anhänglich. Er hoffte, sie würde nicht weiter nachbohren und ihn endlich in Ruhe lassen – nichts wäre wohl schlimmer, als dass sie herausfinden würde, für wen die Kiwis eigentlich gedacht waren, denn dafür, die erfolgreiche Züchtung eines längst ausgestorbenen Vogels an die Öffentlichkeit zu bringen, war die Zeit wahrhaftig noch nicht gekommen.

Der blasse Student mit der lila Wollmütze, der hinter der Ladentheke stand, verließ sich darauf, dass sein Kunde auch heute dieselbe Menge Kiwis kaufte wie in den fünf Tagen zuvor und ersparte sich das mühselige Nachzählen der Früchte: „Dreizehn Euro vier, bitte.“ Die erfreulich neutralen Worte des Verkäufers gestatteten es Murray, das Gespräch mit dieser Winston abzubrechen, ohne auffallend unhöflich zu wirken. Er hielt seine ID-Karte an das Bezahlfeld und wartete auf den Pieps.

Es piepste.

Dann griff er nach der Papiertüte. „Danke.“

„Ich hoffe jedenfalls, Sie haben genug Zeit, sich vom Uni-Stress zu erholen“, versuchte sich die Frau noch ein letztes Mal ins Gespräch

einzubringen. Und fast wäre er darauf eingegangen, fast hätte er sich dazu hinreißen lassen, sich an der banalen Plauderei zu beteiligen, dann jedoch machte sie einen entscheidenden Fehler: Unangemessen vertraulich und ohne zu fragen legte sie ihre Hand auf Murrays Arm ab. Das war eindeutig zu viel. Irritiert von so viel Körperkontakt wandte er sich ab und floh, ohne ein weiteres Wort zu sagen, aus dem Laden.

Während er begierig die kühle Herbstluft in seine Lungen sog, fragte er sich ernsthaft, wann es eine dieser anhänglichen Personen erreicht haben würde, aus seiner Abscheu vor körperlicher Nähe eine manifestierte Störung hervorzurufen. Eine Agoraphobie, darüber hatte er bereits nachgedacht, würde seinen Wunsch nach Distanz und seine häusliche Natur gut unter einen Hut bringen.

Er hastete die Straße hinab, durchschritt die Tür zum Treppenhaus, stieg vierundvierzig Stufen hinauf in den zweiten Stock, öffnete die Tür zu seiner Wohnung und ging in die Küche. Dort lehnte er sich schweißgebadet an den Kühlschrank und atmete tief durch. „Diese aufdringliche Winston“, fluchte er leise und wunderte sich selbst, wie er nur so unbedarft hatte sein können. Niemand durfte herausfinden, was

er getan hatte, nicht, solange er diesen Dodo noch nicht auf Herz und Nieren untersucht hatte! Und ganz bestimmt nicht, bevor er wüsste, ob sein Versuchstier auch längerfristig überlebensfähig war. Einen Augenblick lang wurde ihm ganz schwer ums Herz, als er daran dachte, dass die kleine Doris eines Tages vielleicht nicht mehr bei ihm sein würde, doch gleich darauf zog ihn sein nüchtern denkendes Gehirn zurück in die Gegenwart. Er musste aufpassen: Dort draußen lungerten überall neugierige Leute herum, so wie diese Professorin, die sein Geheimnis aufdecken und womöglich selbst die Lorbeeren für Murrays außergewöhnliche Leistung beanspruchen könnte.

Er stellte die Tüte mit den Kiwis auf dem Küchentisch ab, zog den Regenmantel aus und hängte ihn ordentlich über die Stuhllehne. Dann setzte er sich und begann, die festen Kiwis von den weichen zu trennen. Die unreifen pikste er, um den Reifevorgang zu beschleunigen, zweimal mit einem Zahnstocher an und beförderte sie in das Körbchen auf der Waschmaschine. Die schon überreifen Früchte dagegen halbierte er und legte sie in eine weitere Schüssel aus hellblauem Plastik, mit der er daraufhin durch die Diele zum Badezimmer schlurfte, in dem der Vogel schon auf ihn wartete. Lächelnd setzte er sich dann auf

den Wannenrand, von wo aus er schließlich ein dankbares, etwas doof aussehendes, aber liebenswertes Dodoküken mit Südfrüchten fütterte.

 

Doch auch dankbare, etwas doof aussehende Dodoküken sind neugierig und klüger, als man denken mag. Mit einem für einen Vogel untypischen Grinsen gepaart mit einem optimistischen Dou! sprang es plötzlich mit einem Satz auf die Klinke der Badezimmertür, öffnete sie und rannte hinaus aus dem Raum. Verdattert verharrte Murray auf dem Wannenrand, bis er begriff, dass seine neue, kleine Freundin gerade dabei war, ihn sitzen zu lassen. Er warf eine angebissene Kiwihälfte ins Waschbecken und folgte dem Tier.

Was dann kam, war eine wilde Verfolgungsjagd durch drei Zimmer, möbliert, mit Diele, Bad und separater Küche. Der Dodo rannte kreischend und mausernd durch die gesamte Wohnung, versteckte sich mal unter dem Sofa, mal im leeren Übertopf der kürzlich verendeten Szaferi-Birke und schaffte es schlussendlich, sich mit dem großen Zeh und einer ungewöhnlich tollpatschigen Körperdrehung im bereits erwähnten Flokati zu verheddern. Den Bürzel

hoch in die Luft gestreckt schaute ihn der Vogel nun mit schwarzen Kulleraugen an. „Dou?“

Der lächelte und bewegte sich langsam auf das keuchende Tierchen zu. Doch noch bevor er es zu packen bekam, befreite es sich aus den Fängen des fusseligen Teppichs und rannte krächzend ins Nachbarzimmer. „Dou!“ hörte Murray den Dodo noch rufen, als er selbst pustend auf den Langhaarteppich plumpste.

 

Eine halbe Stunde später standen sich Doris und ein völlig erledigter Murray im Wohnzimmer gegenüber. Nur ein kleiner Glastisch trennte die beiden.

Nur etwa fünfzig Zentimeter.

Und Murray war zum Sprung bereit.

Er konzentrierte sich.

Doris auch.

Im selben Augenblick spürte Murray einen Windhauch und erkannte mit Entsetzen, dass die nur angelehnte Balkontür sich wie von allein einen Spalt weit öffnete. Der kluge Dodo folgte seinem Blick, erhaschte einen kurzen Ausblick auf die süße Freiheit und lief, wie von ausgehungerten Seeleuten gejagt, hinaus auf den Balkon. Murray stolperte atemlos hinterdrein.

Es hatte aufgehört zu regnen, und die Sonne streckte bereits wieder ihre wärmenden Strahlen nach dem Südbalkon aus. Und wäre Murray in diesem Moment nicht von einem schnatternden Vogel abgelenkt worden, hätte er wohl den entzückenden Regenbogen bemerkt, der sich kräftig leuchtend zwischen den grauen Häuserblocks ausbreitete.

Doch er hatte Wichtigeres zu tun.

„Komm zu Daddy“, gurrte er leise und schlich behutsam auf den auf der Brüstung hockenden Vogel zu. Doris ignorierte ihn. Stattdessen wackelte sie das rostige Geländer auf und ab, beobachtete das Treiben unten auf der Straße und natürlich den zauberhaften Regenbogen, der in nur wenigen Augenblicken bereits wieder verschwunden sein würde. Murray, komplett fokussiert auf das Federvieh, versuchte es mit Logik: „Dodos können nicht fliegen, das kannst du nachlesen, wenn du es mir nicht glaubst! Wenn du nur einen falschen Schritt machst, bist du Tikka Masala.“

Doris schaute ihn fragend an. „Dou dou?“ Dann hopste sie, als wäre nichts gewesen, von der Brüstung zuerst hinab auf den Klappstuhl, dann auf den Boden und wackelte mir nichts, dir

nichts, zurück in die Wohnung.

Erleichtert atmete Murray auf. Denn auch, wenn ein gut gemachtes Tikka Masala sein Leibgericht war, so hatte er doch keine Lust, irgendjemandem erklären zu müssen, warum ein eigentlich seit über vierhundert Jahren ausgestorbener Vogel ausgerechnet vom Balkon seiner Wohnung gefallen war.

Er folgte dem fröhlichen Federvieh, schloss die Balkontür hinter sich und zog den Vorhang zu. Nur kurz, bevor er das Tageslicht vollständig ausgesperrt hatte, erkannte er auf einem gegenüberliegenden Balkon den blassen Verkäufer aus dem Supermarkt, der ihn mit offenem Mund und lila Wollmütze anstarrte. Hatte er etwas gesehen? Konnte er etwa einordnen, um welch außergewöhnliches Tier es sich bei der dicken Ente handelte? Murray bezweifelte es. Denn auch, wenn dieser Student eine gewisse Ähnlichkeit mit einem ausgestorbenen Laufvogel bemerkt haben sollte, müsste er doch wissen, dass es völlig unrealistisch war, inmitten einer hundsordinären irischen Kleinstadt wie Galway ein solches Tier in der Wohnung zu halten.

Und dennoch bereitete ihm der perplexe Blick des Nachbarn Kopfschmerzen.

Tags darauf, er hatte lange geschlafen und fühlte sich dennoch wie gerädert, klingelte es an der Wohnungstür. Murray grunzte. Zu einer anderen verbalen Äußerung war er nicht imstande, denn genau in dieser Minute balancierte er auf dem hölzernen Deckel seiner olivgrünen Toilettenschüssel, während er versuchte, die Ringsjön-Plastikringe des Grönska-Duschvorhangs an die lieblos montierte Ore-Vorhangstange zu fädeln. Nur noch drei Ringe, dann würde der Vorhang, den Doris gestern Abend in einer gefühlsbetonten Sekunde heruntergerissen hatte, wieder dort hängen, wo er hingehörte.

Im Hintergrund klang fades Popgedudel aus dem Radio, das wiederum im nächsten Moment von einem Nachrichtenjingle unterbrochen wurde: In wenigen Minuten berichten wir Ihnen live, was es mit den markerschütternden Schreien aus einer Altbauwohnung in Galway auf sich hat.

Murray schenkte der Meldung keinerlei Bedeutung. Sein kleiner Finger steckte in einer Öse fest, und diese Angelegenheit musste er erst einmal klären. Es klingelte erneut. „Moment!“ rief er, befreite sich und seinen Digitus minimus und fädelte den letzten Ring auf die Stange. Dann stieg

der sonst handwerklich wenig begabte Theoretiker vom Toilettendeckel herunter und betrachtete nicht ohne Stolz sein Werk.

Das Klingeln wurde, wenn man das von einem Klingeln überhaupt sagen konnte, unhöflich. Zu laut, zu schrill, zu bemüht, wie ein C-Promi auf einer Comedy-Gala. Als Murray schließlich in die Diele schritt, klapperte es, und die Wohnungstür öffnete sich einen Spalt weit. „Doktor O’Connor?“

„Was zum …?“

Mrs Brunswick von gegenüber schob ihren Kopf durch die Tür und lächelte ihn freundlich an. „Ach, ich dachte schon, Ihnen wäre etwas passiert. Wir haben dreimal klingeln müssen, bis …“

„Wir?“ Murray war zu verwirrt, um sauer zu sein, und so blieb er regungslos hinter seiner eigenen Wohnungstür stehen, die sich im nächsten Moment vollständig öffnete und den Blick auf zwei dürre Damen freigab, die mit einer übergroßen Kamera auf den perplexen Biologen zielten. Ohne auf eine Einladung zu warten, schoben sich die beiden nun fast zeitgleich durch den Türrahmen in Murrays Privatsphäre, durch die Diele weiter ins Wohnzimmer.

„Wo ist es?“ fragten sie, erwarteten aber offensichtlich keine Antwort. Murrays Gedanken schwankten hingegen beunruhigt hin und her, unfähig, die Szene, die sich hier vor ihm auftat, einordnen zu können. „Wer …?“

„Oh, ich glaube, mein Stew brennt mir noch an!“ quietschte Mrs Brunswick mit einem Mal und huschte zurück in ihre Wohnung. Murray starrte seiner Nachbarin sprachlos hinterher, bemerkte erst jetzt den jungen Mann, der leicht verunsichert vor der Wohnungstür stehengeblieben war. Er erkannte ihn sofort: Es war der Verkäufer vom Supermarkt, der junge Mann vom Balkon. Konzentriert massierte der seine lila Wollmütze, bis er schüchtern fragte: „Das war doch ein Dodo, oder? Der kleine, dicke Vogel, der da gestern die Brüstung hoch- und runtergewackelt ist?“

„Hab ihn!“ rief die junge Kamerafrau aus dem Badezimmer heraus. „Gnäääk!“ schrie dagegen Doris. Murray hörte aus ihrem Tonfall, dass die Kleine sehr, sehr ungehalten über den unerwarteten Besuch war.

 

· · · ·

 

„Sie wissen schon, dass das nicht ohne Konsequenzen bleiben kann, oder, Doktor O’Connor?“

„Hm.“

Murray fühlte sich zurückversetzt in die Schulzeit, als er dem Direktor hatte erklären müssen, warum er ausgerechnet eintausendsiebenhundertzweiundfünfzig Fruchtfliegen (vom Typ Drosophila melanogaster curly) im Lehrerzimmer freigelassen hatte. „Es war ein Feldversuch“, hatte er sich damals herauswinden können, doch eine so einfache Erklärung würde ihm heute nicht weiterhelfen. (Das hatte es ihm damals übrigens auch nicht, doch würden die Folgen heute wohl andere sein als ein einfacher Schulverweis von einer Woche.)

Der Dozent für Genetik saß auf einem zu schmalen, zu grünen Ledersessel im Büro des Dekans der Universität und ließ das Donnerwetter gefügig über sich ergehen. Etwas weiter weg in der hintersten Ecke des Raumes wackelte die kleine Dododame Doris unruhig in einem winzigen Käfig hin und her und gab kleinlaut einige „Dous“ von sich. Sie wirkte ängstlich, und Murray hoffte, dass er sie bald befreien könnte.

„Wissen Sie, es ist nicht so, dass unsere Fakultät keine Werbung gebrauchen könnte …“

„Und was“, fiel dem Dekan die Kollegin Winston

begeistert ins Wort, „was wäre wohl besser dazu geeignet, als ein totgeglaubtes, pummeliges Dodoküken?“

Murray war überrascht, dass ihm die Dozentin für Molekularbiologie, die ihn neulich im Supermarkt noch so bedrängt hatte, zur Seite stand. Doch bevor er auch nur eine Sekunde daran verschwendete, sie für sympathisch zu halten, wollte er erst einmal abwarten, was die nächsten Minuten bringen würden.

„Es ist ja nun offensichtlich, dass Sie einen Dodo aus dem Ausstellungsraum der Universitätsbibliothek entwendet und ihn für eigene Versuche missbraucht haben“, ergriff der Dekan erneut das Wort.

„Missbrauchen ist ein hartes Wort. Ich habe nur sein Erbgut entnommen und in einem Einweckgläschen …“

„Sie haben die Moorleiche eines Dodos geklaut!“ Der Dekan schlug mit der Faust auf den Tisch. „Dou!“ rief Doris und flatterte aufgeregt in ihrem Käfig hin und her. Die Stimme des Dekans hatte derweil einen leicht hysterischen Klang angenommen, und Murray wusste instinktiv, dass er ihn besser nicht noch einmal unterbrechen sollte. „Und anstatt den Versuch wenigstens in Ihrem Labor an unserer Universität durchzuführen, mussten Sie es auf eigene Faust

unter völlig unzureichenden Bedingungen zu Hause machen! Hätten Sie nicht wenigstens fragen können?“

„Sie hätten es mir doch sowieso nie erlaubt.“ Murray senkte seinen Blick und hörte, wie der Dekan tief einatmete. Dessen Stimme zitterte fast unmerklich, als er antwortete: „Weil Ihre letzten Versuche mit Pferden, die Sie aus Ascot haben einfliegen lassen, die Universität Unsummen gekostet haben!“

Das war jetzt ungerecht. „Ich wollte doch nur ein Einhorn züchten, um meinen Studenten …“

„Und dafür mussten die Tiere aus Ascot stammen?“

„Die Reinheit der Gene musste gewährl…!“

„Davon abgesehen ist es Wahnsinn, auch nur daran zu denken, dass ein solches Tier wie ein Dodo in einer Altbauwohnung längere Zeit überlebensfähig wäre. Dieses Federvieh …“

„Doris“, verbesserte Murray und erkannte sofort, dass er einen Fehler begangen hatte.

„Do…, Sie haben tatsächlich ein persönliches Verhältnis zu diesem Tierchen aufgebaut?“ Professor Winston, die dem Gespräch nun schon eine ganze Weile lang stumm gefolgt war, lachte überrascht und zeigte dabei ihre makellosen Zähne. „Sie sind wirklich einmalig, O’Connor.“

„Jedenfalls ist es klar, dass die Universität nicht akzeptieren kann, dass ein Forscher Eigentum der Fakultät stiehlt und für eigene Versuche verwendet“, schloss der Dekan, lehnte sich in seinem zu großen, zu schwarzen Ledersessel zurück und faltete die Hände. Professor Winston, die neben ihm auf einem kleinen und offensichtlich ungemütlichen Holzstuhl saß, erhob mahnend den Zeigefinger und zwinkerte dem eingeschüchterten Murray zu.

„Wenn es nach mir ginge, könnten Sie, Murray, weiterhin Ihre kleinen Versuche machen.“ Der Dekan begab sich mit der Nennung seines Vornamens auf eine vertrauliche Ebene, die ihm nicht behagte. „Doch ich bin es nicht allein, der darüber entscheidet, und Sie wissen, dass die Sponsoren unserer Universität derartige Aktionen nicht gutheißen. Wollen Sie hören, wie die Chefetage von Pfizer reagiert hat?“

Murray wollte es nicht wissen und schüttelte den Kopf.

„Sie haben gesagt, man müsse Sie wegen Diebstahls verhaften, dann teeren, mit Dododaunen federn und Sie anschließend an den Füßen durch sämtliche Hörsäle der Universität schleifen.“

Er wusste, weshalb er den Kopf geschüttelt hatte und ärgerte sich insgeheim, dass sein Gegenüber dies nicht respektiert hatte.

Der Dekan atmete lange und tief ein, dann beugte er sich zu ihm vor, schaute ihn an und schüttelte bedauernd den Kopf: „Wir müssen Sie von der Universität verweisen.“

„Verw…?“ Die Aussage traf Murray wie ein Schlag. Mit allem hatte er gerechnet, aber doch nicht, dass er seinen Posten als Dozent verlieren würde! „Wegen einer lausigen Dodozelle?“ schnaufte er perplex. „Der dehydrierte Vogel steht doch längst wieder an seinem Platz. Dem fehlt eine einzige Hautschuppe!“

„Ich finde auch, dass Doktor O’Connor nichts Falsches …“, mischte sich nun Winston ein, in der irrigen Annahme, sie wäre am Zug. Doch ein strenger Seitenblick des Dekans ließ sie unwillkürlich zusammenzucken. Sie lächelte entschuldigend und lehnte sich wieder zurück. Der Holzstuhl knarrte.

„Hören Sie, Murray. Wenn es nach mir ginge, würden Sie Ihren Job behalten und noch viele weitere kleine Dodoküken züchten, aber Sie kennen ja die vom Aufsichtsrat …“ Als wollte er sich mit dem nun arbeitslosen Biologen

verbrüdern, rollte er mit den Augen. „Glauben Sie mir, mir sind die Hände gebunden!“

Murray nickte dumpf mit dem Kopf, und die feinen, roten Haare flusten ziellos umher. Dann stand er auf. Der alte Ledersessel, in dem er gesessen hatte, seufzte erleichtert, als seine Polster sich wieder mit Luft füllten.

„Warten Sie noch.“

„Hmn?“

„Sie wissen, dass ich nebenbei für ein großes Unternehmen arbeite?“

„Mhm.“

„Mir ist zu Ohren gekommen, dass CosmOre Industries gerade sowohl einen fähigen Genetiker als auch einen Molekularbiologen sucht. Da Sie in beidem promoviert haben, sollten Sie sich dort mal melden.“ Dann zog der Dekan aus einer Schublade einen daumennagelgroßen Chip heraus und schob ihn über den Schreibtisch zu dem verwirrt blinzelnden Murray hinüber. „Hier sind Kontaktadresse und Empfehlungsschreiben.“

Über die Freundlichkeit seines ehemaligen Arbeitgebers verblüfft, griff Murray den Chip, schob ihn über den Scanner seines Claptops und legte ihn wieder zurück auf den Schreibtisch. „Danke“, murmelte er und wandte sich zum Gehen.

„Murray?“

Er drehte sich noch einmal um.

„Versauen Sie’s nicht.“

[...]

Drei

[...]

 

Das historische Gebäude beeindruckte ihn, allen voran die schnörkellosen Bogen und Säulen der riesigen Halle gepaart mit der absoluten Schlichtheit ihrer glatten, weißen Wände. Genau in der Mitte des Raumes erhob sich ein gläserner Tubus, der viele Meter hinauf bis zur Kuppel des Gebäudes zu führen schien. Zuerst hatte er dieses Ding für ein Aquarium gehalten, bei näherer Betrachtung erkannte er jedoch, dass es sich um eine fantastische Projektion des Weltalls handelte, mit der Sonne im Mittelpunkt, um die herum sich acht Planeten mit ihren hundertdreiundsiebzig Monden in geduldiger Leichtigkeit bewegten.

„Herr Wichgreve?“

Er erschrak. Das astronomische Kunstwerk hatte ihn vollends in seinen Bann gezogen, und fast hatte er vergessen, weshalb er hier war. „Äh, ja, hier, ich“, stotterte er deshalb und starrte die etwa fünfunddreißigjährige Frau an, die neben ihm stand und ihn freundlich anlächelte. Sie war recht groß, mindestens einen Meter achtzig, von durchschnittlicher Statur und hellem Hauttyp.

Ihr hellblondes Haar hatte sie am Hinterkopf zu einem akkuraten Dutt verknotet, und ihr Lächeln wirkte sympathisch und offen. Cornelius stellte erleichtert fest, dass sein aktueller Aufzug, Jeans, graues Sakko auf weißem T-Shirt, der Situation angemessen war, denn auch sein Gegenüber war mit einem schicken, teuren Blazer, dem dazu passenden, knielangem Rock, einer weißen Bluse und dezenter Krawatte geschäftsmäßig gekleidet.

Er selbst war eigentlich überhaupt kein Anzugtyp: Er liebte seine zerbeulten Jeans, seine T-Shirt-Sammlung mit Werbeaufdrucken aus dem letzten Jahrtausend und die Chucks, deren Farbe er danach aussuchte, dass sie farblich möglichst gar nicht zu seinen Shirts passten. Hinzu kam, dass ihm irgendjemand mal gesagt hatte, dass er aufgrund seiner schmalen, aber hochgewachsenen Statur in einem Anzug aussähe, wie ein pubertierender Nerd bei seiner Konfirmation, weshalb er es normalerweise tunlichst vermied, zu Veranstaltungen mit Kleiderordnung zu gehen. Mit dem langweiligen, grauen Jackett, das er kurz vor dem Treffen noch schnell durch den Bügelautomaten im Gemeinschaftskeller gezogen hatte, hatte er demnach heute, extra für sein Bewerbungsgespräch, eine Ausnahme gemacht.

Skeptisch schaute er an sich hinab. Irgendwie wunderte es ihn immer wieder, dass dieses alte Ding, das er seit dem Abitur besaß, immer noch passte und noch immer in so fantastischer Form war.

„Lumi Mäkinen“, stellte sich die CosmOre-Angestellte vor und deutete mit einer einladenden Geste auf die verglaste Empore am anderen Ende des Gebäudes. „Kommen Sie?“

Während er ihr die Treppen hinauf zur Galerie folgte, stellte er sich vor, wie es wäre, in diesem unglaublich modernen und gleichzeitig zeitlos schönen Gebäude zu arbeiten. Trotz der Größe der Halle klang jeder Schritt gedämpft. Vermutlich handelte es sich bei dem Fußbodenbelag um einen jener neuen Silencer-Teppiche, die in Theatern, Kinos und den Ruhezonen der Einkaufszentren vor wenigen Monaten Einzug gehalten hatten. Das indirekte Licht schuf eine angenehme Atmosphäre, und Cornelius war sich noch immer unsicher, ob der Raum oder Frau Mäkinen so gut nach frischen Pfirsichen roch, als diese wenige Stufen vor dem Treppenende stehenblieb: „Ich kann davon ausgehen, dass Sie Englisch sprechen?“

Es war mehr eine Feststellung als eine Frage, doch Cornelius nickte. „Yeah, sure.“ Der breite, texanische Akzent, der ihm seit dem Schüleraustausch in der neunten Klasse anhaftete, war unüberhörbar. Die Finnin nickte, trat wenige Schritte vor und öffnete eine milchgläserne Tür, die die Sicht freigab auf ein schlichtes, aber elegant eingerichtetes Büro. Er trat ein.

 

„Herr Wichgreve, es ist mir eine Ehre!“ Ein großer, breitschultriger Mann mit dem Gesicht einer Bulldogge stürzte auf ihn zu und streckte ihm eine riesige Hand entgegen. Cornelius packte beherzt zu, drückte fest, aber nicht zu fest, wartete einen Moment und ließ dann wieder los, so wie er es in dem Virtuellen Lehrwerk mit dem Titel Erfolgreich bewerben! irgendwann einmal gelesen hatte. Dabei schaute er seinem Gegenüber mit offenem Blick in die Augen und sagte laut und deutlich: „Ich freue mich sehr, hier sein zu dürfen.“

„Leavitt der Name“, stellte sich nun die Bulldogge vor, bot dem Jobanwärter einen Platz vor dem Schreibtisch an und ließ sich dann selbst schwer in seinen Chefsessel fallen.

Neben ihm und Frau Mäkinen waren drei weitere Leute im Raum, die stumm nickend an der Wand saßen.

„Lindström, Forsman und Virtanen“, stellte der Chef seine Mitarbeiter vor, die einmal kurz aufblickten und dann wieder ihre Aufmerksamkeit auf die weiß glänzenden Claptops lenkten, die sie gekonnt auf ihrem Schoß balancierten.

Cornelius bemerkte, wie seine aus der Übung gekommenen Mundwinkel allmählich träge wurden, und er musste sich Mühe geben, das gekünstelte Lächeln aufrecht zu erhalten.

„Herr Wichgreve, oder darf ich Cornelius sagen?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr Leavitt fort: „Also mein guter Cornelius, wir haben viel von Ihnen gehört. Über Ihren erstaunlich frühen Abschluss mit Auszeichnung an der zweiten Technischen Universität Berlin, Ihre Dissertation über die Loop-Theorie, die Promotion zum Doktor der Gravitationsphysik innerhalb von nur einem Jahr, Ihre Arbeit am Antigrav und schließlich über die Entwicklung der Dynamic-Gravity-Control-Unit beim Gravicar.“ Der Chef von CosmOre war, wie Cornelius zugeben musste, bestens über seinen Lebenslauf informiert. Es erstaunte ihn, dass dieser über seine eigentlich geheime Arbeit bei Urbanmobil Bescheid wusste; vor allem darüber, dass der sich heute in der Testphase befindliche und von der Presse

Skylevity genannte Prototyp des Autos mit DGC-Unit-Unterstützung anfangs noch den Arbeitstitel Gravicar besessen hatte. Und noch während er darüber nachdachte, woher CosmOre Industries diese geheimen Informationen haben könnte, stand Leavitt auch schon vor ihm und kam auf den Punkt: „Mein Lieber, vor allem die fliegenden Autos haben uns alle sehr beeindruckt, und wir fragen uns, wie lange Sie wohl brauchen würden, den Prozess des Antigravs, also den eines Gravitationsnegierers umzudrehen und einen Gravitationsverstärker zu bauen.“

Cornelius stutzte. Darüber hatte er noch nie nachgedacht. „Darüber habe ich noch nie nachgedacht“, antwortete er deshalb frei heraus. In seinem Kopf drehte sich alles. Er würde vielleicht ein Büro im schickesten Viertel der Stadt bekommen, vermutlich mit Blick auf dieses charmante Gebäude schräg gegenüber, das aussah wie ein griechischer Tempel. Den ganzen Tag lang könnte er dann, genau wie Herr Leavitt, in einem ledernen Chefsessel sitzen, während er lustige Gleichungen löste und träumend aus dem Fenster sah. Vielleicht würde man ihm sogar ein eigenes Labor zuweisen, wo er eigene Angestellte herumschubsen könnte. Er löste sich von jener

wundervollen Vorstellung und versuchte, sich zwischen all den herumfliegenden Träumen zu konzentrieren. „Wie groß wäre denn das Volumen, dessen Gravitation verstärkt werden müsste?“ fragte er deshalb und fühlte sich mit einem Mal sehr professionell. Bei den Skylevitys beschränkte sich die Negierung auf nicht mehr als zehn bis fünfzehn Kubikmeter, im Falle eines Busses auch auf ein bisschen mehr, und so hatte er überhaupt nicht mit der folgenden Antwort gerechnet: „Fünfzigtausend Kubikmeter.“

„Fünfz…?“ Ihm stockte der Atem.

„Zumindest fürs Erste. Wir wollen später noch anbauen.“

„Anbanmpf.“ Das verschlug ihm die Sprache. Und noch ehe er sie wiederfand, hielt Leavitt ihm einen Chip mit allen Informationen über das neueste Projekt der CosmOre-Familie und seinem möglichen Arbeitsumfeld entgegen und riet ihm, sich das alles bitte einmal ganz genau anzuschauen und sich das Jobangebot gründlich durch den Kopf gehen zu lassen. Dann gab er ihm zur Verabschiedung die Hand, zog ihn dabei schwungvoll aus dem Besuchersessel empor und schob ihn mit sanftem Druck aus dem Büro hinaus.

„Überlegen Sie’s sich. Und …“, nach kurzem Zögern fuhr Leavitt grinsend fort: „Rufen Sie uns nicht an. Wir rufen Sie an.“

 

· · · ·

 

Erst drei Wochen später erhielt Cornelius den Anruf von Lumi Mäkinen mit der entscheidenden Frage, ob er es sich vorstellen könnte, für CosmOre Industries zu arbeiten. Der Gravitationsphysiker hatte die Informationen über das Projekt, für das er arbeiten sollte, förmlich in sich aufgesogen, und in dem Moment, als er seinem neuen Arbeitgeber die Zusage erteilte, schlug ihm das Herz bis zum Hals. Die einzige Bedingung, als Freiberufler und nicht als Festangestellter zu arbeiten, wurde zwar zögerlich aufgenommen, aber nach Rücksprache mit dem Chef akzeptiert. Mäkinen schien ihrerseits höchst erfreut zu sein. Noch während des Gesprächs sendete sie ihm den Vertrag und die E-Tickets nach Chongqing zu.

 

· · · ·

Und so saß Cornelius Wichgreve weitere zwei Wochen später in seinem anthrazitfarbenen Opel Calibra und war auf dem Weg zum Flughafen. Der Motor brummte wie eine rollige Elefantenkuh, während der altehrwürdige Oldtimer über die schlaglochverwöhnten Straßen der Hauptstadt polterte. Er liebte sein Auto, bewunderte dessen windschnittige Form und war immer wieder begeistert vom Originalsound des Motors, der nahezu ungedämpft ins Cockpit scholl.

Der Umbau zum Skylevity war dem Wagen von außen nicht anzusehen. Der Calibra büßte aufgrund der großen, schwarzen Kiste im Innenraum, in der sich eigentlich die DGC-Unit befinden sollte, nur den mittleren Platz auf der lederbezogenen Rückbank ein. Weil der Sicherheitsgurt dort aber sowieso gerissen war und außerdem höchst selten überhaupt jemand in die Versuchung kam, es sich auf der viel zu engen Bank bequem zu machen, hatte das bisher keine Rolle gespielt. Leider jedoch hatte der TÜV bei der letzten Prüfung – kurz nach seinem Rauswurf bei Urbanmobil, als er neben einer unbedeutenden Abfindung, einem T-Shirt und einem Basecap wenigstens auch den Prototypen des Skylevitys übereignet bekommen hatte – verlangt, den

pseudovirtuellen Sensor aus der DGC-Unit wieder zu entfernen, um auf diese Weise der Straßenverkehrsordnung zu entsprechen. Somit war die Kiste funktionslos, und Cornelius blieb nichts anderes übrig, als wie alle anderen normalen Verkehrsteilnehmer auf dem Boden zu bleiben.

Im Wageninneren roch es nach schimmligem Leder und künstlicher Erdbeere, wobei letztgenanntes Aroma nicht vom hellblauen Duftbaum ausging, der unaufgeregt am Rückspiegel herumbammelte, sondern der kürzlich verschütteten Erdbeerlimo verschuldet war, die er aus seinem letzten Urlaub auf Teneriffa mitgebracht hatte. Und genau jenes bizarre Odeur entwich schlagartig, als er, am Flughafen angekommen, die Tür öffnete.

Mit einem großen, knallroten Koffer in der einen und einem Handgepäckstück von nicht mehr als 20 x 40 x 55 cm Größe in der anderen Hand stand er einige Minuten später vor dem Gebäude des Tempelhofer Flughafens und starrte auf die demonstrierende Menge, die sich ihm bei fast schon frühlingshaftem Sonnenschein in den Weg stellte. Cornelius fror trotz seiner dicken, blauen Daunenjacke, und er wunderte sich, wie diese Leute es mitten im Januar hier draußen in der

Eiseskälte länger als nur ein paar Minuten aushielten. Er rieb sich die geröteten Hände.

„Keine Macht der Korruption!“, „Grüne Parks statt graue Flugbahn!“ und „Kindergeschrei statt Fluglärm!“ stand auf nur einigen der Protestplakate, die wütende Bürger in der Luft herumschwenkten, als würden sie versuchen, die gerade gestartete Boeing E3 Cloudmaker damit vom Himmel holen zu wollen. Einige von ihnen hatten ihre unschuldigen Kinder mitgebracht, die, dick eingepackt in voluminöse Schneeanzüge, auf den Schultern der Erwachsenen saßen und frierend aber glücklich ihren grünen Luftballon beobachteten, den sie extra zu diesem wichtigen Anlass an einem dünnen Schnürchen ums Handgelenk präsentieren durften.

Vor ungefähr einem Jahr hatte der finnische Konzern und Cornelius’ neuer Arbeitgeber CosmOre Industries der Stadt Berlin die etwa fünf Quadratkilometer große Grünfläche abgekauft und binnen weniger Monate die ursprüngliche, bis 2010 genutzte und nie abgerissene Flughafenstruktur renoviert und erweitert. Da aber das zentral gelegene Tempelhofer Feld die letzten vierundzwanzig Jahre von den Berlinern als Parkanlage für Picknicke, Wettrennen und

Bratwurst-Olympiaden genutzt wurde, hatten die Bürger keinerlei Verständnis dafür gezeigt, als das insolvente Land diese freie Grünfläche an einen Konzern veräußerte, der zudem auch noch an anderer Stelle für die Ausbeutung der Natur verantwortlich war. Doch mangels Alternativen – der Eröffnungstermin des schon länger geplanten Großflughafens im Süden Berlins war aufgrund einiger organisatorischer Probleme verschoben worden – hatte der Berliner Senat einheitlich für die Wiederherstellung des alten Flughafens gestimmt.

Der Bürgerprotest mit anfangs über fünftausend umweltfreundlichen Protestbürgern war bereits nach einem Jahr auf einen erbärmlichen Haufen von achtzehn Plakatschwingern und zwei Dauercampern geschrumpft, so dass Cornelius keine allzu großen Schwierigkeiten hatte, sich mit sporadischem Ellbogeneinsatz durch die kleine Menschentraube zu drängeln, die sich vor dem Eingang des restaurierten Flughafengebäudes breitgemacht hatte.

„Proootest!“ schrie ihm ein schmalschultriger Typ mit Latzhose und flauschigen Ohrenwärmern ins Ohr. „Umweltverräter!“ rief ein zweiter und stellte sich dem CosmOre-Angestellten in den Weg.

„Bei Abgasen und Flugzeuglärm, bleiben bald die Vögel fern!“ intonierte ein Dritter. Seine Miene erhellte sich schlagartig, als er bemerkte, dass er mit seinem offensichtlich gerade erst erfundenen Schlachtruf den Startschuss für einen asynchronen Chor aus taktlosen Demonstranten und nicht gestimmten Trillerpfeifen gegeben hatte. Wenigstens lenkte dieser Umstand die Menschenmenge von Cornelius ab, und er konnte unauffällig zum Terminal gelangen. Als sich die Tür hinter ihm schloss und sich die überheizte Luft des Flughafengebäudes über ihn stülpte, atmete er erleichtert auf. Die erste Hürde seines Fluges an einen fernen Ort war genommen.

 

 

 

 

 

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von WortGestalt:

"Anette Kannenberg beweist in „Das Mondmalheur“ ein Händchen für skurrile Charaktere, Dialoge und Situationen, ohne dabei ins Lächerliche abzurutschen. Die Mischung aus satirischem Ulk und unterhaltsamen Ernst ist ihr hervorragend gelungen! Durch den Humor und die teilweise gar nicht so unwahrscheinlich wirkenden technischen Fortschritte kommt auch der Science Fiction-Anteil weniger abstrakt daher und lässt so auch Nicht-Fans dieses Genres Zugang zur Geschichte finden. Sympathische Figuren, spannende Geschichte, sprachgewandte Autorin, was will ein Debüt mehr? Leser! Daher von mir mal eine direkte Empfehlung: Wenn sich eine Selfpublisherin lohnt, dann Anette Kannenberg!"

von Lovely Mix:

"Trotz diverser Schmunzler erzählt die Autorin eine ernste Geschichte mit interessanten Hauptfiguren. Für SciFi-Fans auf der Suche nach etwas Abwechslung absolut zu empfehlen."

bei amazon.de:

"... ein höchst unterhaltsamer Fantasy-Roman, stilistisch gut geschrieben und im positiven Sinne etwas verrückt. Eine kurzweilige Lektüre nicht nur für Sci-Fi-Fans."

"Die Geschichte ist kurzweilig, die Charaktere sind schön ausgestaltet und auch den einen oder anderen ironischen Seitenhieb auf andere SciFi-Geschichten hat die Autorin augenzwinkernd eingebaut."

"Die vorgestellten Personen agieren glaubwürdig, ihre Gefühle erscheinen mir real und der Ablauf der Handlung wirkt selten bis „so gut wie nie“ „an den Haaren herbeigezogen“, was für einen sich nicht immer ganz ernst nehmenden, teils satirisch gemeinten Zukunftsroman durchaus achtbar ist."

"Humor, Spannung, überraschende Wendungen und Figuren, die einem ans Herz wachsen"

"Das Mondmalheur ist weder eine Satire (obwohl es zahlreiche Seitenhiebe auf unsere heutige Gesellschaft beinhaltet), noch eine Abenteuergeschichte (obwohl es das Abenteuer einiger Wissenschaftler beschreibt), noch Science Fiction per se (obwohl es in der Zukunft spielt und technische Gadgets angewendet werden) , noch ein Katastrophenroman (obwohl ziemlich viel schief geht)… es ist der Beweis dafür, dass eine Mischung aus all diesen Genres nicht nur möglich ist, sondern sogar sehr gut funktioniert."

"Dieses Buch soll einfach Spass machen und das tut es."

bei lovelybooks.de:

"Nichts ist so süß, wie ein dümmlich aussehendes Dodoküken!"

"Die Charaktere sind allesamt gut ausgearbeitet und wirken überzeugend, die Dialoge sind teilweise genial."

"Skurril, spannend, ungewöhnlich und liebevoll - so würde ich dieses Buch beschreiben. Mir hat es viel Spaß gemacht es zu lesen!"

bei goodreads.com:

"Ein herrlich schräges Erstlingswerk, bei dem es um entrückte Wissenschaftler, geklonte Dodos und einen angeknabberten Mond geht. Trotz diverser Schmunzler erzählt die Autorin eine ernste Geschichte mit interessanten Hauptfiguren. Für SciFi-Fans auf der Suche nach etwas Abwechslung absolut zu empfehlen."

Berichte über die Live-Lesung in Second Life:

Kueperpunk
ClaireDiLuna Chevalier
joeysl

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